Archiv für Juli 2008
Zieht Euch warm an!
von Mariano Albrecht
Eigentlich sollte man auf die geistigen Ergüsse von ihm gar nicht mehr reagiereren. „Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können.“ Daß sagt Thilo Sarrazin, Finanzsenator der Deutschen-Pleite-Haupstadt. Dennoch: Im Sommerlochtheater sind sich politische Hinterbänkler und Funktionäre nicht zuschade sich, in diversen Pressemeldungen, lautstark zu empören. Annelie Buntenbach vom Deutschen Gewerkschaftsbund, tönt:“Das ist menschenverachtend und nicht mehr hinnehmbar“. Bei dieser Temperatur „wird die Grenze zur Gesundheitsgefährdung überschritten“, so der stellvertretende Mieterbunddirektor Lukas Siebenkotten am Dienstag in Berlin. Außerdem drohten Feuchtigkeitsschäden und Schimmel, wenn die Wohnung nicht ausreichend geheizt wird. Mieter müssten dann sogar mit Schadenersatzforderungen ihrer Vermieter rechnen, so Siebenkotten. Ulrich Maurer, der parlamentarische Geschäftsführer der Bundestags-Linken, empört sich: „Gegen soviel soziale Kälte helfen auch Pullover nicht.“ Ach was! Und gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Auf Äußerungen von Herrn Sarrazin überhaupt noch zu reagieren, kann nur mit Mediengeilheit erklärt werden. Wie wäre es wenn alle Empörten, dem Berliner Kassenwart mal ihre alten Pullover schicken würden?
Mariano Albrecht
Kartoffelsprit und Erdnußöl Deutschland war Vorreiter in Sachen Biosprit
von Mariano Albrecht
Wer glaubt, die Erfindung nichtmineralischer Kraftstoffe wie Biodiesel sei eine neuzeitliche Idee
von Grünen und Rohölreserven-Endzeitpropheten, der irrt. Der erste Biokraftstoff wurde lange
vor dem ersten Verbrennungsmotor von den Wissenschaftlern E. Duffy und J. Patrick im Jahr
1853 entwickelt. Die beiden experimentierten mit der Umesterung (Umwandlung, swg) von
Pflanzenöl, dabei entstand ein brennbares aber nicht so schnell entflammbares Gemisch wie
Spiritus. Zur technischen Anwendung gelangte das Produkt erst, nachdem Rudolph Diesel 1893
den nach ihm benannten Motor baute. Doch bis es zum Einsatz des von Duffy und Patrick
erfundenen Gemisches kam, vergingen nochmals Jahre.
Als Diesel zur Weltausstellung 1900 in Paris seinen Motor vorstellte, staunten die Besucher,
denn das Maschinchen verbreitete einen süßlich nussigen Duft in den Ausstellungsräumen –
Diesel trieb seinen Motor mit Erdnußöl an. Erst als sich die chemischen Verfahren der
Umesterung ( Umwandlung, swg)von pflanzlichen Ölen durchsetzten, gelangte der Biodiesel,
der damals korrekterweise Fettsäuremetylester (FAME) hieß – das Modewort „Bio“ gelangte erst
später in den Sprachgebrauch – zum Einsatz.
Auch Nikolaus August Otto verwendete im Jahr 1860 für seinen Verbrennungsmotor einen Bio-
Treibstoff – Kartoffelsprit (Ethanol). Dieser gelangte sogar im Ersten Weltkrieg in
Flugzeugmotoren zum Einsatz.
In den USA setzte auch der Autobauer Henry Ford auf den „nachwachsenden“ Rohstoff Ethanol.
Der zwischen 1908 und 1927 gebaute Ford T fuhr ebenfalls mit Ethanol. Fords Vision war es,
der Landwirtschaft neue Impulse zu geben und einen ständig verfügbaren Rohstoff zum Einsatz
zu bringen. Doch die Idee Fords war zum Scheitern verurteilt.
Durch den Einfluß der Standard Oil Company von John D. Rockefeller erlangte das Benzin
aufgrund hoher Verfügbarkeit und niedriger Preise zunehmend an Bedeutung in Amerika und
allen von Standard Oil beeinflußten Ländern. Der Motor des Ford wurde auf Benzin umgestellt.
Die Macht von Standard Oil und der Rockefeller-Dynastie führte zur ersten Monopolgesetzgebung
in den USA und zur Zerschlagung des Konzerns unter Präsident Roosevelt im Jahre
1911.
In Deutschland versuchte man in den 20er Jahren, durch den Einsatz von Alkohol die Kosten für
den Import von ausländischem Mineralölbenzin zu senken. So gründete die
Reichsmonopolverwaltung für Branntwein und der Verwertungsverband deutscher
Spiritusfabriken im Jahre 1925 die Reichskraftspritgesellschaft (RKS). Mit dem Produkt
Monopolin, einer Mischung aus 75 Prozent Normalbenzin und 25 Prozent Agraralkohol, sollte
die Landwirtschaft gestärkt und gleichzeitig der Mineralölverbrauch gesenkt werden. 1927
entstand in Berlin das erste Tankstellennetz der RKS. 1935 hatte die Reichskraftsprit-
Gesellschaft einen Marktanteil von 4,3 Prozent und betrieb 365 Zapfsäulen in Deutschland.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die alternativen Kraftstoffe durch die günstiger
werdenden Preise für Mineralölkraftstoffe an Bedeutung. Der Biodiesel war auch während des
Krieges vom Petrodiesel verdrängt worden. Erst in den 80er Jahren gewann die Herstellung
wieder an Bedeutung. 1990 ging im österreichischen Aschach die erste industrielle
Produktionsanlage in Betrieb.
© Mariano Albrecht Preußische Allgemeine Zeitung